MAX NEUMANN
J O A C H I M...S A R T O R I U S


Engführung, Intensität
Zu neuen Werken von Max Neumann


In der Musik finde ich Kraft, Schwäche und Schmerz,

die drei Elemente.
Das Vierte hat keinen Namen.

... ... ... ... .. ... ... ... ... ... ... .. ... ...... ... ...Adam Zagajewski, Selbstbildnis


I. Die Bilder von Max Neumann haben seit einigen Jahren keinen Namen mehr.
Sie heißen ganz konsequent “Ohne Titel”. Der Maler will uns sehr bewußt
sagen, daß sich seine Bildwelten weniger durch Benennbares als durch ein
malerisches Ereignis erschließen. Diese Malerei ist somit aus der Position eines
sprachlichen Rückzugs zu betrachten. Sie kommt, stark und fremd, ohne
Deutungsvorschläge aus.
Vertiefen wir uns in die großformatigen Bilder von Max Neumann der letzten
Jahre, so fühlen wir – als erstes vielleicht – eine machtvolle, auratische Stille.
Der Kopf, die menschliche Figur – als wesentliche Konstante, mit den ihr
zugeordneten Formen von Gegenständen – ist anonymisiert, tritt uns als
“Anderheit” gegenüber. Diese Anonymisierung geschieht nicht nur durch die
Behandlung des Materials, nicht nur durch die gelegentliche Verwendung von
Schablonen, sondern vor allem durch das über die Jahre immer
kompromisslosere Weglassen von Attributen des Menschen wie Hände, Nase,
Mund und schließlich selbst dem Auge. Oft bleiben nur der Umriß des Kopfes
und das Ohr. Wenn der Urgrund des Bildes Unruhe ist, so legt sich darauf eine
mit höchstem Verstand austarierte Oberfläche, die eine fast metaphysische
Ruhe vermittelt. Es ist also, unter der Klinge eines zerreißenden Blicks, eine
haut-, eine farbüberzogene Unruhe. In früheren Bildern von Max Neumann
war diese Unruhe auch an der Bildoberfläche noch sehr manifest in beunruhigenden,
undeutlichen, unsicheren, ausfransenden Linien und nervösen
Sprüngen. Es scheint, als habe der Maler in den letzten Jahren sein ganzes
Können darauf verwandt, diese Unruhe unter Kontrolle zu bringen – und damit
auch alles Anekdotische, Krypto-Narrative aus seinen Bildern zu verbannen.
Einige Köpfe tragen Augenbinden. Ein Auge würde für Unruhe in der
erreichten Stille sorgen. Es geht jetzt zuvorderst um Gestalt, um Form und ihre
Farbe, um deren Verhältnisse zueinander in einer vorgegebenen Struktur mit
meist deutlich abgegrenzten Farbfeldern. Diese “Engführung”, ausgeführt mit
großer Meisterschaft, immer die Architektonik des Bildes im Blick, erzeugt
Intensität und, damit einhergehend, Monumentalität, die uns in ihren Bann
schlägt.

II. So leben diese Bilder von einer merkwürdigen Polarität, oder Spannung,
zwischen Unruhe (in der Tiefe) und Ruhe (an der Oberfläche), von Reduktion
auf das Wesentliche und Raffinement in den Details, von Dauer, die das
Flüchtige besiegt, und existentiellen Grundsituationen wie
Orientierungslosigkeit und Angst. Ein in dieser Sicht besonders
aussagekräftiges Bild sind die beiden sich gegenüberstehenden
zwillingshaften Gestalten in kariertrotem Gewand auf schwarzem Grund,
mit Augenbinden, mundlos, sprachlos, in einer beklemmenden Dialogsituation
(Ohne Titel, November 2002, Abb. 53), die nicht auflösbar erscheint. Groß und
großartig auch die auf rotesten Grund gesetzte roboterhafte Gestalt
(Ohne Titel, Oktober 2002, Abb. 76). Drei dominierende Farben: das Schwarz
der Schädelkappe, der drei Kugeln oder Kreise und des Treppenaufbaus, das
Weiß der Augenbinde und der Treppenabsätze, das gewaltige Rot schließlich
des Bildhintergrunds. Sie stehen in einem vielleicht intuitiven, doch letztlich
ausgeklügelt wirkendem Verhältnis, welches das an Schnüren aufgehängte,
mit der Struktur des Antlitzes verbundene, auf der Brust ruhende Gebilde (ein
Amulett?) um so rätselhafter macht. Eine strahlende, bedrohliche, mysteriöse
Erscheinung von dieser und nicht von dieser Welt. Ähnlich verhält es sich
vielleicht mit dem für mich stärksten, auch enigmatischsten, weil gar nicht
auflösbaren Bild (Ohne Titel, April/Mai 2001, Abb. 75), das im oberen Viertel
einen Liegenden, einen Toten in einem horizontalen schwarzen Rechteck
(einem Sarg?) zeigt, mit deutlich geripptem Brustkorb, die Schenkel
eingeklammert von Spanten oder Folterwerkzeugen. Davon ganz getrennt,
mehr als die untere Hälfte des Bildes beanspruchend, ein Quadrat mit
beweglich weiß schraffiertem Grund, als trompe-l’oeil auf die Bildoberfläche
gepinnt (die vier schwarzen Reißzwecken sind gemalt), und in diesem Quadrat,
das nur von großen malerischen Qualitäten zu berichten weiß, ein eingeritzter
Stuhl, der rein gar nichts mit dem Leichnam zu tun hat - oder doch vielleicht.
So viele Vielleichts. Der Maler muß lächeln. Ein Vielleicht-Toter.
Eine Vielleicht-Hand. Eine Vielleicht-Beziehung von Leichnam, Bahre, Sarg,
Stuhl und Leben.

III. So wenig Max Neumann sein Werk “erklären” mag, so nah sind ihm die
stets zur Erklärung neigenden Literaten. Fernando Pessoa, Gottfried Benn,
Cees Nooteboom gehören zu seinem engsten, vertrautesten Umgang.
Vielleicht liefert Gottfried Benn einige Schlüssel zum Werk von Max Neumann.
Benn lehnte für das Gedicht jede Ganzheitsvorstellung ab.
Das Gedicht mag Erinnerungsanstrengung und Wahrnehmungsversuch sein,
es ist aber vor allem Kunstversuch. Wie entsteht ein Gedicht (ein Bild) ?
Aus der Sicht Benns besitzt der Autor einen dumpfen, schöpferischen Keim,
eine psychische Materie, dann Worte, die er genauestens kennt und die er
bewegen kann, und schließlich einen Ariadnefaden. Stets entsteht das Gedicht
aus Worten, nicht aus Gefühlen. Das kann auf Max Neumann gemünzt
werden. Sein Ariadnefaden ist ein über nun Jahrzehnte erworbenes Vokabular
aus Formen und Zeichen. Sein Bild entsteht aus diesen Formen, Zeichen,
Farben und muß das Unübersetzbare, das Namen- und Titellose bleiben.

IV. Viele Bewunderer der Bilder von Max Neumann sagen, sie fänden sie
“sehr emotional”. Sie haben vielleicht verstanden, daß es keine narrativen
Deutungen gibt und daß die “Dunkelheit” der Bilder nicht nur auf langjähriger
Erfahrung, sondern auch auf Grundemotionen beruht. Max Neumann liebt
Musik. In seinem Atelier malt er zu Musik. Das kann Arvo Pärt, Tom Waits,
Schostakowitsch oder katalanische Musik des frühen Mittelalters sein.
Sie drückt “Kraft, Schwäche und Schmerz” aus, wie Adam Zagajewski
in seinem bewegenden Selbstbildnis berichtet. Sie ist aber auch immer,
jenseits des Ausdrucks, Linie, tönende Architektur. Max Neumann reizt,
so vermute ich, gerade das. Seine Bilder sind alle Architektur, grandioser
Aufbau, souverän umrissene Volumen. Meist ist die Linie sehr klar.
Die improvisierende Linie spielt in den Papierarbeiten, seiner
Experimentierwiese, eine ungleich größere Rolle als in den Bildern, die auch
ein Vexierspiel von Fläche und Tiefe sind, durch die Art des Auftrags, die
zahlreichen Schichten von Schwarz und Rot. Oft entsteht eine Kippsituation.
Wir erahnen die Inbrunst dieser Bilder, eine Art negative Verheißung, die durch
das spürbare Vertrauen des Malers in seine Werke noch gesteigert wird. Diese
Inbrunst tritt für mich in dem Bild Ohne Titel, August 2002, (Abb. 77) am
deutlichsten zu Tage.
Vielleicht ist diese helle, auf noch hellerem Grund uns gegenübertretende
Gestalt ein Selbstporträt des Malers. Sein Kopf ist schwarz, allen
Deutungsversuchen entzogen. Doch teilt eine weiße Flüssigkeit (ein leichter
Schaum? ein Atem in der Kälte? eine Wolke ?), die einem Behältnis, einer
Pandorabüchse entweicht, den Kopf in Hell und Dunkel. Fast auf gleicher
Höhe mit der Öffnung des Behältnisses sehen wir, eingelassen in den Körper
des Malers, eine Konstruktion, die ein Galgen sein kann, ein Baugerüst,
Teil einer Aussichtsplattform für Akrobaten. Die große Gestalt geht frontal auf
uns zu oder sie entfernt sich von uns. Sie beschäftigt uns. Sie ist beunruhigend
schön. Sie verstärkt unsere Zweifel, unsere Geheimnisse. Sie ist der Maler.



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